Lake Marian und Humboldt Falls
Der Morgen beginnt ganz ähnlich wie gestern: Es kommt wieder ein Falke vorbei, vermutlich derselbe, denn diese Tiere haben wohl ihre Territorien. Er lässt sich zunächst ganz in der Nähe meines Stellplatzes in einem Baum nieder und verbreitet dort Hektik unter den anderen Vögeln, die in diesem Baum sitzen. Dieses Mal bleibt er ein wenig dort, so dass ich Zeit habe, meine Kamera zu holen und ein paar Aufnahmen zu machen. Er lässt sich dann auch noch auf dem Boden nieder und gibt mir Gelegenheit zu weiteren Aufnahmen.
Zwei Tage in der Zukunft von diesem Eintrag aus zeige ich die Bilder mehreren Mitarbeitenden des DOC in Te Anau, die mir versichern, dass es sich um einen Karearea, also einen neuseeländischen Falken, handelt. Das freut nicht nur mich sehr – denn diese Vögel gibt es nur in Neuseeland und sie sind relativ selten, vor allem viel seltener als die Kahu, die australasischen Harrier, die ich bislang meist gesehen habe. Letztere sieht man öfter auf den Landstraßen, wo sie sich den Roadkill einverleiben; leider habe ich auch schon mehrere von Autos getötete Harrier am Straßenrand liegen sehen. Der Karearea jedenfalls hebt dann irgendwann ab und wenig später sehe und höre ich ihn über dem Wald neben dem Campingplatz.
Dann wird es Zeit für die Wanderung, die ich mir für heute vorgenommen habe. Ich fahre wieder zur Divide und heute ein Stück darüber hinaus. Wenige Kilometer weiter zweigt die Straße in das Lower Hollyford Valley ab, dem ich zunächst bis zu dem Parkplatz am Ende des asphaltierten Teils der Straße folge. Dort beginnt die Wanderung zum Lake Marian, dem See in einem hängenden Tal, den ich gestern schon in der Ferne vom Key Summit aus gesehen habe. Nach wenigen Minuten auf einem sehr gut ausgebauten Weg kommt man an den Marian Falls vorbei, eher eine Reihe von Wasserfällen, über die eine Menge Wasser ins Tal tobelt.

Der Weg von hier bis zum See führt dann recht steil bergan und ist auch sehr viel anspruchsvoller zu gehen, da von Wurzeln und Steinen durchsetzt. Es gibt auch einige wenige Stellen, an denen man die Hände zu Hilfe nehmen muss. Der See liegt auf 695 m Höhe und damit zwar deutlich niedriger als der Key Summit, aber dafür liegt auch der Startpunkt im Hollyford Valley 200 Meter niedriger als die Divide, so dass praktisch der gleiche Höhenunterschied zu überwinden ist. Oben angekommen bietet sich ein herrliches Bergpanorama, das den See fast vollständig umgibt. Lediglich auf der Seite, an der der Wanderweg ankommt, befindet sich „nur“ die Endmoräne des ehemaligen Gletschers, der diesen See einst erschaffen hat. Ich gönne mir eine Jause und mache mich dann an den Abstieg, der zwar weniger anstrengend ist, aber Konzentration erfordert und die Knie und Fußgelenke beansprucht. Ich komme auch mit meinen Wanderhalbschuhen gut klar, aber Wanderstiefel wären hier nicht fehl am Platz.

Im Anschluss fahre ich noch etwas weiter über die nun nicht mehr asphaltierte Straße zunächst bis zu Gunns Camp, wo vor knapp 100 Jahren die Arbeiter gewohnt haben, die die Milford Road erbaut haben und das bis vor einigen Jahren noch als Campingplatz in Betrieb war. Ich habe hier zwar nie übernachtet, habe es aber mal besucht. Es stehen zwar noch einige Gebäude hier, aber soweit ich weiß, soll es abgerissen werden, nachdem es schwer beschädigt wurde – ich muss mal recherchieren, ob das dasselbe Unwetter war, das auch die Lake Howden Hut zerstört hat.
Dann folge ich der Straße bis an ihr Ende. Von dieser Straße aus kann man mehrere Wanderungen machen, so beispielsweise den Deadmans Track, der über fast 1000 Höhenmeter hinauf zum Routeburn Track im die Nähe des Harris Saddle führt. Diese Wanderung sollte man aber nicht alleine und nicht ohne Absicherung (also Anmeldung beim DOC und ein Personal Locator Beacon) machen – und fit und erfahren genug sein. Ich mache nur ganz am Ende der Straße einen kleinen Spaziergang zu den Humboldt Falls, einem 275 Meter hohen, schmalen Wasserfall, über den sich der Humboldt Creek in die Tiefe stürzt. Direkt daneben ist noch ein zweiter kleinerer Wasserfall eines anderen Bachs. Der Aussichtspunkt bietet allerdings keine so ganz tolle Aussicht auf die beiden.

