Mit dem Jetboat auf dem Wairaurahiri River
Der Himmel ist heute leider wolkenverhangen und es ist nicht abzusehen, dass sich das Wetter im Lauf des Tages noch bessern wird. Aber eigentlich ist das für die heute geplante Tour vielleicht auch gar nicht so schlimm, denn es soll mit dem Wairaurahiri Jet über den Fluß, nach dem dieser benannt wurde, bis zur Südküste gehen.
Der Wairaurahiri Jet ist ein Familienunternehmen, das seit vielen Jahren von einem hier in der Gegend lebenden Ehepaar betrieben wird. Sie bieten auch Touren auf dem Lake Hauroko an, insbesondere zum Startpunkt des Dusky Track, einer der härtesten Wanderungen Neuseelands, bei der es schonmal vorkommen kann, dass man mehrere Tage ausharren muss, weil Flüsse nicht durchquert werden können. Die heutige Fahrt wird vom Sohn der Familie, Kevin, durchgeführt. Am Startpunkt versammeln sich allmählich alle Teilnehmenden – außer mir alles Leute aus Neuseeland, zwei aus Te Anau, die anderen alle aus unterschiedlichen Regionen der Nordinsel. Kevin kommt mit seinem Pickup, hinter dem er auf dem Anhänger das Boot transportiert und das er nun zu Wasser lässt.

Jetboats sind eine neuseeländische Erfindung, die es seit etwa 70 Jahren gibt. Diese Boote haben keine Schrauben für den Antrieb, sondern saugen Wasser unter dem Rumpf an und stoßen dieses über eine oder in diesem Fall zwei Düsen nach hinten aus. Die Düsen sind seitlich schwenkbar, so dass auch für die Steuerung kein Ruder erforderlich ist. Die schnellste Möglichkeit, ein solches Boot zu stoppen, ist ein 360, bei dem das Boot auf sehr kurzer Strecke zum stehen kommt – das wird zur Gaudi der Mitfahrenden auch immer wieder gerne gemacht, hier aber kommt das nur einmal ganz am Ende der Tour für das Anlegen am Bootssteg. Der Rumpf dieser Boote ist außerdem sehr solide. Insgesamt sorgt das dafür, dass man mit ihnen durch sehr flache Gewässer fahren kann – notfalls über eine kurze Strecke auch mal über eine Schotterbank hinweg. Der Zweck war ursprünglich vor allem, dass Bauern damit entfernte Teile ihrer Ländereien besuchen konnten, zu denen sonst nur eine lange oder schwierige Anreise möglich gewesen wäre. Dazu werden sie wohl auch heute noch benutzt, aber vor allem sind sie für viele Locals ein schönes Abenteuerspielzeug und für Touristen eine Attraktion.

Wir packen uns in Regenjacken und Regenhosen ein – weniger wegen zu erwartenden Regens als vielmehr, weil es an Bord mitunter ganz schön nass werden kann. Die Fahrt beginnt sehr ruhig über den heute sehr ruhigen Lake Hauroko – laut Kevin kann der auch sehr unangenehm sein. Dieser See ist mit 462 Metern Tiefe der tiefste See Neuseelands und groß genug, dass hier auch ordentliche Wellen entstehen können. Aber heute ist es fast windstill. Die Berge ringsherum hüllen sich allerdings weitestgehend in Wolken. Ein erster kurzer Stopp erfolgt am südlichen Ende des Sees an der Teal Bay, wo wir einmal das Boot verlassen und die wenigen Meter zu dieser abgelegenen Hütte gehen. Dort hat gerade eine Familie mit zwei Booten festgemacht und ein Franzose ist kurz davor, sich mit seinem Packraft auf den Weg den Fluss hinunter zu machen.
Nachdem wir wieder ins Boot gestiegen sind, beginnt der wilde Ritt den Fluss hinunter. Im ersten Abschnitt fällt der Fluss relativ steil ab und die Wassertiefe ist recht gering. Dadurch und durch die hohe Geschwindigkeit, mit der wir unterwegs sind, schüttelt es uns ganz schön durch. Das tolle aber an dieser Fahrt ist, dass sie uns in Gegenden führt, die außer mit dem Boot nur sehr schwer erreichbar sind und zu denen man mehrere Tage zu Fuß unterwegs wäre. Die Ufer ragen teilweise steil auf und die Wälder links und vor allem rechts sind richtig schön. Warum vor allem rechts? Weil in dieser Gegend nie in größerem Stil Holzfäller unterwegs waren und weil hier regelmäßig „Pest Control“ durchgeführt wird, d.h. Possums, Wiesel und Hermeline nur in vergleichsweise geringen Zahlen vorkommen. Und wo dass der Fall ist, sind die Wälder dichter und die Vogelwelt zahlreicher vertreten – wobei wir von letzterer nichts hören, denn so ein Jetboat ist nicht gerade flüsterleise.

Nach einem weiteren Zwischenstopp auf etwa halber Strecke erreichen wir schließlich die Südküste und blicken auf die Tasmanische See, deren Wellen sich ein Stückchen weiter draußen brechen – denn wir verlassen die Flussmündung nicht wirklich, auch wenn das Boot das wohl durchaus mitmachen würde. Wir gehen dann dort an Land und spazieren über den Strand und dann durch den Wald zur Waitutu Lodge. Kevin ist mit dem Boot dorthin gefahren und bereitet bereits das Lunch vor. Bei solchen längeren Touren bieten die Veranstalter häufig ein Lunch mit an, das hier im Preis inbegriffen ist. Oft ist das eher ziemlich einfach, hier aber gibt es mehrere Salate, Brot und dazu diverses Fleisch vom Grill. Nach der Stärkung begeben wir uns auf einen weiteren Spaziergang, der zu einer Swingbridge führt, über die wir den Wairaurahiri überqueren – es ist das erste Mal, dass ich eine Swingbridge mit einer Tür auf halber Strecke sehe; diese dient dazu, Possums von der rechten Flussseite fernzuhalten, und muss daher unbedingt nach Durchschreiten wieder geschlossen werden.

Kevin sammelt uns dort wieder ein und wir begeben uns auf die Rückfahrt, den Fluss wieder hoch und über den Lake Hauroko zur Anlegestelle. Wir verabschieden uns voneinander und ich mache mich auf die Fahrt zurück zur Southern Scenic Route. In Clifden – kein wirklicher Ort, sondern eine Sammelbezeichnung für die Bauernhöfe in der Gegend – mache ich einen kurzen Stopp an der dortigen Suspension Bridge. Ein wenig später sehe ich, das westlich die Bewölkung erheblich aufgelockerter ist und noch ein wenig später, dass dort sogar blauer Himmel ist. Nachdem ich eine Bergkette passiert habe, ist auf einmal richtig tolles Wetter – und bei diesem fahre ich dann schließlich auch in Manapouri ein, meinem Ziel für den heutigen Tag.
