Ein steinreicher Tag
Heute will ich nun die Strecke von Omarama nach Oamaru zurücklegen, denn allmählich will ich mich weiter nach Süden vorarbeiten. Ganz in der Nähe von Omarama gibt es die Clay Cliffs, zu denen ich ein Stück zurückfahren muss, denn sie liegen wenige Kilometer vor dem Ort – aus Richtung Mount Cook kommend, wie ich das gestern war.
Die Fahrt führt über eine Schotterpiste zu einem Gatter, an dem man durch ein Schild zur Zahlung von 10 NZ$ aufgefordert wird. Dies kann man durch Einwurf des entsprechenden Betrags in eine Honesty Box tun oder durch Überweisung auf ein auf dem Schild angegebenes Konto. Da mein kleinster Geldschein, den ich gerade dabei habe, ein 50$-Schein ist, entscheide ich mich für eine Überweisung. Das könnte ich auch später nachholen, aber erstaunlicherweise habe ich hier Mobilfunk-Empfang und kann das so gleich erledigen.

Weiter geht es auf der Schotterpiste bis zu einem Parkplatz gleich bei den Clay Cliffs. Dort ist auch schon einiges los – und ich hoffe, die Leute waren auch alle ehrlich genug, den Eintrittspreis zu bezahlen. An vielen Stellen hier in Neuseeland verlässt man sich noch auf die Ehrlichkeit und auch ansonsten darauf, dass die Leute sich an bestimmte Regeln halten. Ich habe aber schon aus einigen Gesprächen mitbekommen, dass etliche Reisende sich nicht an diese Dinge halten und beispielsweise zelten, wo es nicht erlaubt ist (und es ist an sehr vielen Stellen erlaubt, aber oft halt nicht an den Orten, die sich auf Instagram gut machen), Eintrittspreise wie den hier an den Clay Cliffs als optional ansehen, weil ja niemand da ist, der kontrolliert, oder Wege verlässt, obwohl ausdrücklich dazu aufgefordert wird, das zum Schutz der Natur nicht zu tun. An manchem Ort würde es mich nicht wundern, wenn dort irgendwann Zäune in der Natur aufgestellt werden – was bislang nur um Schaf- und Kuhweiden der Fall ist. Die Krönung bislang ist das Schild in der Dusche auf dem Campingplatz in Omarama: „Don‘t poo in the shower! (We are embarrassed that we even had to put up this sign.)“
Aber zurück zu den Clay Cliffs. Die sind schon vom Parkplatz aus wirklich imposant. Dann kommt man näher und tritt durch einen schmalen Durchgang in das Innere, wo man ringsum von diesen Steinformationen umgeben ist. Es könnten die Paths of the Dead im Lord of the Rings sein, aber der Drehort ist auf der Nordinsel (und da war ich natürlich auch schon). Das Wetter spielt gut mit, denn es ziehen immer wieder Wolken am Himmel entlang, so dass sich das Licht permanent ändert. Insgesamt ist ein bisschen viel los hier für meinen Geschmack, aber ich bin ja nunmal selber einer der Besucher und kann mich daher kaum beschweren.

Anschließend fahre ich in Richtung Ostküste. Der Highway führt mich an Duntroon vorbei, wo sich der Takiroa Rock Art Shelter befindet. Dort befinden sich Felszeichnungen, die zwischen 1400 und 1900 dort angebracht wurden. Die hier gezeigte Zeichnung soll wohl eine Taniwha darstellen, ein mythisches Wesen der Maori-Kultur, das sowohl Beschützer eines Ortes (Kaitiaki) als auch ein böses Ungeheuer sein kann, das Frauen entführt. Leider ist von den Zeichnungen nicht sehr viel erhalten, denn über die Hälfte von ihnen wurde schon vor über 100 Jahren aus dem Fels geschnitten und ist nun in verschiedenen Museen im Land zu sehen, und weitere wurden im Lauf der Jahre durch Umwelteinflüsse, Graffiti oder Einritzungen in den weichen Stein beschädigt oder zerstört – daher nun der Shelter, der vor den Zeichnungen errichtet wurde.

Etwa um halb sechs erreiche ich schließlich das Ziel meiner heutigen Etappe. Oamaru ist eine richtige Stadt mit immerhin über 14000 Einwohnern – und hier gibt es zum ersten Mal seit Christchurch wieder einmal Ampeln zu sehen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war die Stadt sehr bedeutsam, zum einen wegen ihres Hafens, zum anderen aufgrund der Nähe zu den Goldfeldern in Central Otago, die Reichtum und Bevölkerung hierhin brachten. Steinerne Zeugen des damaligen Reichtums sind die zahlreichen, für neuseeländische Verhältnisse der damaligen Zeit prächtigen Gebäude längs der Hauptstraße. Als Baumaterial diente der Kalkstein, der in der Nähe abgebaut wurde und wird und auch anderswo ein begehrtes Baumaterial ist.
Aus eben diesem Stein sind auch die Gebäude des Hafenviertels, das glücklicherweise nicht abgerissen wurde, nachdem der Hafen an Bedeutung verloren hatte. So hat diese Stadt eine für Neuseeland einzigartige Architektur unterschiedlichster Gebäude im viktorianischen Stil – vom Opernhaus über die Post, Hotels und Geschäftsgebäude bis hin zu Lagerhäusern. Passend dazu hat sich hier außerdem eine lebendige Steampunk-Community gebildet, deren Headquarters ich mir aber nur von außen ansehe.
Wenn auch das Hafenviertel, das mittlerweile mit vielen kleinen Läden und Galerien wieder sehr belebt und bei Touristen beliebt ist, kommen die meisten wegen der Blue Penguins, die abends nach Einbruch der Dämmerung an den Strand kommen. Mit ein wenig Glück kann man sie im Hafenviertel treffen – ich habe allerdings keins –; eine Garantie gibt es aber bei der Pinguinkolonie, wo man von einer Tribüne aus die Ankunft der Pinguingruppen beobachten kann. Ich habe mir dieses Schauspiel vor vielen Jahren einmal angesehen; Fotos mach darf man dort allerdings nicht. Auch in diesem Jahr spare ich mir das und nehme lieber in der Brewery (die es, glaube ich, bei meinem letzten Besuch hier noch nicht gab) eine Pizza und ein Bierchen zu mir und komme dabei mit einigen Locals ins Gespräch.
